Der Mensch als Coach – Auslaufmodell oder Chance?

Was die ICF, die Forschung und ein bisschen Stille über die Zukunft des Coachings verraten

Was wäre, wenn dein Coach nie müde würde? Er antwortet um elf Uhr abends, weiß noch jedes Detail aus der letzten Sitzung und schaut nie auf die Uhr. KI-Coaching-Tools können das heute schon, und sie werden laufend besser.

Da kommt man als Coach schon ins Grübeln. Wofür braucht es mich noch? Und wofür braucht es all die Coaches, die ich ausbilde? Ich mag diese Frage, auch wenn sie unbequem ist. Sie zwingt uns, noch einmal genau hinzuschauen, was in einem Coaching eigentlich passiert – und was davon wirklich unseres ist.

Was KI gut kann – und was nur wir Menschen geben können

Ich will der KI hier nichts absprechen. Ich nutze sie selbst immer wieder. Sie hilft, Gedanken zu ordnen, Ziele zu formulieren und den nächsten Schritt zu planen. Und sie ist da, wenn eine Führungskraft spät abends noch ein schwieriges Gespräch vorbereiten will.

Die ICF, der internationale Coaching-Verband, hat im Oktober 2026 ein Papier dazu veröffentlicht, das auf jeden Fall lesenswert ist.

Der spannendste Satz des Papiers ist für mich dieser: „The question is what only humans can give.“ Die Frage ist also nicht mehr, ob KI coachen kann, sondern was nur wir Menschen einbringen können.

Die ICF benennt das sehr klar: Präsenz, aktives Zuhören, Vertrauen, Urteilskraft, den Glauben daran, dass sich mein Gegenüber entwickeln kann – und die Fähigkeit, Bewusstheit zu wecken, etwa durch Stille. Eine KI kann viel. Aber sie kann eine Pause nicht so halten, dass darin etwas Neues entsteht.

Wer die ICF-Kernkompetenzen kennt, erkennt darin vertraute Bausteine wieder. Genau die Kompetenzen, die uns in der Ausbildung oft am meisten Übung abverlangen, sind es, die uns künftig unterscheiden. Nicht unser Wissen und die Fragetechnik an sich, sondern die Art, wie wir präsent sind, wie wir den Raum des Nichtwissens navigieren.

Was die Forschung über die Wirkung von Coaching sagt

Interessant wird es, wenn man fragt, warum Coaching überhaupt wirkt. Erik de Haan und Viktor Nilsson haben dafür 37 randomisierte Studien ausgewertet. Ihr Ergebnis: Coaching wirkt – und die Wirkung entsteht im Zusammenspiel von Coach und Coachee. Auch de Haans weitere Forschung zeigt, dass die Qualität der Beziehung zu den stärksten Wirkfaktoren gehört, stärker als einzelne Techniken.

Jonathan Passmore, Coaching-Professor an der Henley Business School, hat mit seinem Team Mensch und Maschine direkt verglichen. 63 Beschäftigte hatten je eine Sitzung mit einem menschlichen Coach und eine mit einem KI-Coach. Der Mensch schnitt bei allen sechs gemessenen Faktoren besser ab, bei neuen Erkenntnissen ebenso wie beim Vertrauen. Es war nur eine Sitzung mit einer kleinen Gruppe – trotzdem finde ich das Ergebnis bemerkenswert.

Wenn Antworten zu leicht werden

Und es gibt ein weiteres Phänomen. Weil KI immer verfügbar ist, arbeiten wir laut David Nitschke von der Quadriga Hochschule unsere Themen seltener wirklich durch. Die schnelle Antwort fühlt sich gut an, fast wie Klarheit. Oft umgeht sie aber genau das, worum es eigentlich ginge.

Hinzu kommt, dass viele KI-Systeme darauf trainiert sind, uns zu gefallen. Passmore beschreibt KI-Coaching deshalb als „short, shallow and sycophantic“: kurz, oberflächlich und zu gefällig.

Für uns als lösungsfokussierte Coaches ist das ein wichtiger Hinweis. Unser Ansatz lebt davon, dass die Antwort beim Klienten entsteht – nicht beim Coach und schon gar nicht in einem Tool. Ein „Was noch?“, eine Skalenfrage, eine Pause, die wir stehen lassen: Das sind keine Techniken, um schneller zur Lösung zu kommen. Es sind Einladungen, selbst etwas zu entdecken.

Die Pause halten

Gerade die Pause – der Raum dazwischen – birgt so viel Potenzial. Sie zu halten braucht Gespür für den Moment, gutes Timing und den Mut, nicht sofort weiterzumachen.

In meinen Coachings erlebe ich das jeden Tag. Die Momente, in denen sich wirklich etwas bewegt, haben selten mit der perfekten Methode zu tun. Sie entstehen, wenn ich den Moment des Nichtwissens „genießen“ kann, auf der Ungewissheit „surfe“ und nicht gleich zur nächsten Frage springe – weil genau in dieser Leerstelle Entwicklung passiert. Und wenn ich jemandem etwas zutraue, der sich selbst gerade wenig zutraut.

Wenn ich weiß, wo meine Stärke liegt, kann ich anderes ziemlich entspannt den KI-Tools überlassen.

Drei Fragen für deine eigene Praxis

Vielleicht magst du nach deinem nächsten Coaching kurz innehalten:

  • Wo war ich wirklich präsent – und wo war ich schon bei meiner nächsten Frage?
  • Welche Pause habe ich stehen lassen – und was ist darin entstanden?
  • Woran hat mein Klient gemerkt, dass ich ihm etwas zutraue?

Und die größere Frage dahinter: Welcher Moment in deinem letzten Coaching hätte sich nicht ersetzen lassen?

Ausblick

Genau diesen Fragen gehen wir im neuen Aufbaumodul Level up – Menschlich coachen in Zeiten von KI nach: Wie wir unseren Coaching-Stil vertiefen, Präsenz bewusst gestalten und mit dem Mut zum Nichtwissen coachen. Ab Januar 2027, für alle, die schon lösungsfokussiert coachen.

Quellen